Zoë Beck – Thrillerautorin

Zoë Beck - Copyright © by Victoria Tomaschko

Zoë Beck, geboren 1975, wuchs zweisprachig auf und pendelt zwischen Großbritannien und Deutschland.

Ihre große Liebe neben der Literatur ist die Musik: Mit drei Jahren begann sie, Klavier zu spielen, gewann bald darauf diverse Wettbewerbe und gab zahlreiche Konzerte.

Heute arbeitet sie als freie Autorin, Journalistin und Übersetzerin (Englisch->Deutsch) und nimmt ihr allererstes Klavier immer noch bei jedem Umzug mit.

2010 ist sie für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte “Bester Kurzkrimi” nominiert.


Nicolas Certa
Hallo Zoë, ich freue mich, dass Du Zeit hattest.
Normalerweise bitte ich meine Interviewpartner immer darum, sich kurz vorzustellen. Du selbst hast jedoch eine viel bessere Methode beschrieben…

Zitat aus Das alte Kinde S. 134: ‘Mòrag liebte es, in Handtaschen zu wühlen. Danach wusste man alles über eine Frau.’
Jetzt bin ich echt gespannt! ;)

Zoë Beck
In meiner Handtasche sind: Schlüssel, Geldbeutel, haufenweise Kugelschreiber und Bleistifte, die sich da irgendwie angesammelt haben, Notizbuch, der literarische Taschenkalender von Fischer (falls ich mal irgendwo Langeweile haben sollte und kein Buch dabei habe), Handy, ein kleines gehäkeltes Engelchen, das mir mal eine Freundin geschenkt hat, damit es auf mich aufpasst, diverse Packungen Papiertaschentücher, Traubenzucker, Desinfektionstücher (ich fahre viel mit dem Zug), Handcreme und ein Extratäschchen mit Notfallmedikamenten, weil ich Allergiker bin. Hinzu kommt dann noch situationsabhängiger Kram. Und ja, die Tasche ist schwer und groß.

Nicolas Certa
Oh, interessant! Genauso stellt sich ein Mann eine Frauenhandtasche vor :)
Wann hast Du eigentlich damit begonnen zu schreiben? Was fasziniert Dich an den Abgründen der menschlichen Psyche?

Zoë Beck
Schreiben? Na, mit fünf oder so. Oder meinst Du Geschichten schreiben? Irgendwann im Creative Writing-Kurs an der Uni, aber das hab ich nicht so ernst genommen. Oder mit Schreiben Geld verdient? Mit vierzehn hab ich für den Jugendteil der Zeitung geschrieben, das war aber nicht sehr literarisch. Oder Krimis? Meinen ersten Krimi hab ich 2005 geschrieben. Ein Jahr später ist er veröffentlicht worden.

Abgründe sind doch immer interessant. Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen, wo jeder jeden kannte, und da war natürlich immer das am Spannendsten, was hinter den Gardinen geschah. Alles, was nicht der vermeintlichen Norm entsprach, wurde ausgiebig diskutiert. Natürlich nur im Flüsterton. Da war alles dabei: der Schuhmachergehilfe mit Schizophrenie, der manchmal seine Tabletten nicht nahm, der Nachbarssohn, der seiner Uroma das Geld aus der Brotbüchse klaute, um sich davon Dope zu kaufen, der Handwerksmeister, der jedem Rock nachstellte … Und natürlich gab es irgendwann auch einen Mordfall, um den sich heute noch Gerüchte ranken. Man kennt das ja von Miss Marple oder Inspector Barnaby: Auf dem Dorf lauert das Böse, und die Abgründe sind besonders tief.

Nicolas Certa
Das alte Kind
ist bereits Dein zweiter Roman nach Wenn es dämmert. Möchtest Du uns ein wenig über den Inhalt berichten?

Zoë Beck
Mein zweiter als Zoë, insgesamt mein sechster. In dem Buch geht es um zwei Frauen, die erstmal eins gemeinsam haben: Keiner glaubt ihnen. Die eine bekommt im Krankenhaus den falschen Säugling in die Arme gelegt, aber alle sagen, es sei ihr Kind. Die andere ist sicher, dass jemand sie umbringen wollte, aber jeder denkt, sie hätte einen Selbstmordversuch fingiert. Natürlich gehören die beiden Frauen zusammen, aber ihre Wege treffen sich erst nach 30 Jahren.

Nicolas Certa
In Das alte Kind verarbeitest Du gleich mehrere Themen: Kindesentführung, Mordversuche, Tablettensucht, familiäre Spannungen, wirtschaftlicher, sowie sozialer Niedergang, … Welcher Part hat Dir Spaß bereitet, welcher war schwierig umzusetzen?

Zoë Beck
Mir hat eigentlich alles Spaß gemacht, sofern man bei diesen Inhalten von Spaß reden kann. Ich mag immer alle meine Figuren, deshalb nähere ich mich auch gerne ihren Themen und schreibe in ihrer Perspektive darüber.

Nicolas Certa
Wann und wie bist Du auf die Idee gekommen, ein Kind mit Progerie als Auslöser einer Kettenreaktion für einen Roman zu verwenden?

Zoë Beck
Ich hatte erst über eine Krankheit nachgedacht, die vererbt wird, aber dann las ich über Progerie und war sehr beeindruckt von den Berichten über die betroffenen Familien und Kinder. Die Kinder schienen alle unglaublich tapfer und mutig und irgendwie auch sehr klug zu sein. Ich wollte auf keinen Fall, dass es zur Freakshow ausartet, deshalb entschied ich mich für dieses sonnige, großherzige, weise Mädchen mit Progerie.

Nicolas Certa
Hast Du Dich mit genetisch bedingten Krankheiten näher beschäftigt? Immerhin sprichst Du neben Progerie die Trisomie 21 an.

Zoë Beck
Ja, das gehörte dazu. Es ist ein Thema des Buchs: Wunschkinder, Designerbabys …

Nicolas Certa
Neben der depressiven Grundstimmung spürt der Leser von Das alte Kind stets das Schwingen einer Klavierseite. Der sich um die kranke Fliss fürsorglich kümmernde Vater: Ein berühmter Pianist! Symbol für Dich selbst am Klavier? Hattest Du, als Du Klavierspielen gelernt hast, den Traum berühmt zu werden?

Zoë Beck
Nein, keine Figur symbolisiert mich. Ich habe dem Mann einen Beruf gegeben, mit dem ich mich auskenne und der eine starke Wandlung nach außen tragen kann. Ein gewisses Prestige war außerdem nötig.

Den Traum vom Berühmt werden träumt doch jeder mehr oder weniger. Ich hab mit drei Jahren angefangen, Klavier zu spielen, musste aber irgendwann einsehen, dass ich nicht so weit komme, wie ich es gerne hätte. Ein wichtiger Grund waren die Nerven, die Auftrittsangst ist mit den Jahren so schlimm geworden, dass ich irgendwann ein Blackout auf der Bühne hatte. Danach konnte ich nicht mal mehr spielen, wenn jemand im selben Raum war wie ich, und das war’s dann. Der Druck im Klassikbereich ist enorm hoch, und wenn man mit Anfang zwanzig feststellt, dass man ihn nicht aushält, ist das zwar spät, aber nicht zu spät, um sich was anderes zu überlegen.

Nicolas Certa
Dein Thriller wurde von Bastei Lübbe aufwendig mit einer Kampagne beworben. 66 Letters versteht sich quasi als eine Vorgeschichte zu Das alte Kind. Was meinst Du, wie sehr die Aktion Deinem Buch zu seinem Erfolg verholfen hat?

Zoë Beck
So eine Kampagne trägt immer mit zum Erfolg bei. Messen lässt der sich aber wahrscheinlich genauso schwer wie der eines Plakats, das irgendwo in der Stadt herumhängt. Ich werde von manchen Leuten auf die Kampagne angesprochen, andere haben noch nie davon gehört. Die Schwierigkeit ist wohl u.a., dass das Buch immer noch als abgeschlossenes Medium, als fertiges Werk gesehen wird, und die Idee, dass ein Teil der Geschichte außerhalb des Buchs stattfindet, muss sich erst noch durchsetzen.

Nicolas Certa
Mit Deinem Kurzkrimi Draußen aus München blutrot bist Du für den Friedrich-Glauser-Preis 2010 nominiert worden. Wie stolz bist Du über die Nominierung?

Zoë Beck
Dazu kann ich nur sagen: An dem Tag, als ich es erfahren habe, habe ich ununterbrochen gegrinst. Am nächsten Tag hatte ich Gesichtsmuskelkater. Diese Nominierung ist eine tolle Sache.

Update: Der Preis wurde am 11.09.2010 auf der großen Abschlussveranstaltung der 24. Criminale in der Nordeifel an Zoë Beck verliehen!
Herzlichen Glückwunsch, Zoë!

Nicolas Certa
Arbeitest Du bereits an einem neuen Titel? Kannst Du uns näheres darüber berichten?

Zoë Beck
Das nächste Buch ist schon fertig, es hat den Titel „Der frühe Tod“. Es sollte eigentlich vor „Das alte Kind“ erscheinen, aber manchmal … Lange Geschichte. Eins der Themen ist die extreme Kinderarmut in Großbritannien. In Deutschland lebte zu der Zeit, als ich das Buch schrieb, jedes sechste Kind unterhalb der Armutsgrenze, in Großbritannien jedes dritte. Die BBC hatte damals eine Serie zum Thema, „Growing Up Skint“, die mich sehr erschüttert hat.

Nicolas Certa
Blenden wir einmal alles aus, das bereits existiert: Welchem geschriebenen oder verfilmten Werk / Thema würdest Du gerne in Deinem persönlichen Handschrift verleihen?

Zoë Beck
Oh. Nein. Jeder muss seine eigenen Geschichten erzählen.

Nicolas Certa
Dein Lieblingsbuch?

Zoë Beck
Ach, das sind so viele … Ich liebe ja Magnus Mills, zum Beispiel.

Nicolas Certa
Wie sieht Dein Arbeitsplatz aus? Steht das Klavier in Deiner Nähe? ;)

Zoë Beck
Mein Arbeitsplatz ist da, wo mein Laptop gerade steht. Und das Klavier ist auch meistens nicht weit weg.

Nicolas Certa
Vielen Dank, Zoë!


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