Nicolas Certa: Villa Biana

Anmerkung des Autoren:

Die nachfolgenden Ereignisse, finden …. Oh, falscher Anfang :)

Die nachfolgende Geschichte habe ich in meiner Schulzeit geschrieben. Das erste Mal habe ich Villa im März 1996 im CI 31, dem Club Intern Magazin des PRBCGS, veröffentlicht. Heute erscheint das nostalgische Werk erneut. In unbehandelter Rohfassung, also genau so, wie seinerzeit erschienen.

Man möge mir das Werk verzeihen, ich war jung, doch es gab kein Geld ;)

Viel Spaß damit und spart nicht mit der Kommentarfunktion! – Warum? Nun, ich plane eine Neuauflage des Themas. Eine komplette Überarbeitung mit richtiger Storyline und mehr Umfang…

Nicolas Certa

Villa Biani

Die Tür knarrte in ihren Angeln. Das Geräusch ließ die alte Villa bis in ihre Grundfesten erzittern. Auf und zu, auf und zu. Die Villa stand auf einem überwucherten Grundstück, weit abseits der Stadt gelegen, vergessen, verwahrlost. Und… da war noch etwas: Über der windschiefen Villa lag der Hauch des Todes – des Untodes!

≈≈≈

„Also noch einmal zum mitschreiben! Mein Name ist Jessica Slater! Ich habe einen Termin mit Andrew Gritt. Verstehen Sie mich doch endlich! Es muss in seinem Terminkalender stehen. Vielleicht hat er vergessen Sie darüber zu informiere…“

„Selbstverständlich, Miss Slater! Haben Sie bitte noch einen Moment Geduld.“

Die Sekretärin erhob sich und verschwand ins Nebenzimmer. Geduld! Ich stehe seit fünfzehn Minuten hier… geduldig. Was denkt sich die dabei? Feilt ihre Nägel und meint, sie hätte Mittag. Sie schüttelte ihren Kopf, so dass ihre Mähne wild zerzauste. Dann sagte sie dreist, ich sei nicht angemeldet…

Jessica Slater, eine 29jährige Blondine, von Beruf Journalistin und seit drei Jahren bei Mystic News angestellt, einem Magazin, welches sich ausschließlich mit parapsychischen und ähnlichen Mysterien befasste. Sie hatte vor zwei Tagen einen Anruf des Firmenchefs erhalten, in dem es darum ging, dass er ihr etwas äußerst mysteriöses zu präsentieren hätte. Sie, immer darauf aus Karriere zu machen, nahm das Meeting an und verabredete sich mit ihm. Mittwochmittag, 12:30 Uhr.

Wenige Minuten später kam die Sekretärin zurück, in ihrer Hand einen DIN A5-Umschlag haltend. „Ich soll Ihnen diesen Umschlag überreichen. Es soll alles Wichtige drin stehen, dass Sie wissen sollten.“ Sie überreichte ihr den Umschlag und damit war für sie die Sache gegessen. Sie setzte sich wieder hinter ihren Tisch und schlug eine Zeitschrift auf, in der es offensichtlich um Frisuren und Mode ging.

„Scheißkerl!“ Jessica Slater machte auf dem Absatz kehrt und verließ wütend das Büro. Und dafür latsche ich hier hin? Der verarscht mich doch!

Auf dem Parkplatz angekommen setzte sie sich in ihren Ford Mondeo und dachte darüber nach, wie sie jemals die Karriereleiter erklimmen konnte, wenn ihre Artikel bereits im Anfangsstadium sabotiert wurden. Schließlich griff sie dennoch nach dem Umschlag, den sie neben sich auf den Sitz geschmissen hatte, riss ihn auf. In dem wattierten Umschlag befand sich eine Kassette, 60 Minuten. Seite A war von Andrew Gritt beschriftet worden. Beinahe unlesbar stand dort:

Villa Biani

„Na ja, anhören kann ich mir das Band ja mal. Vielleicht hat er nur einen dringenden Termin dazwischen bekommen, der ein persönliches Gespräch verhinderte.“ Skeptisch schob sie das Band ins Tapedeck und startete. Rausche, Rauschen, …

„Entschuldigen Sie, dass ich nicht persönlich mit Ihnen spreche, doch leider stecke ich zur Zeit in sehr viel Arbeit, so dass ich Ihnen diese Kassette aufgenommen habe. Als ich Sie am Montagabend anrief, hatte ich noch keine Ahnung, auf was ich da wirklich gestoßen war. Fange ich doch einfach ganz am Anfang an:

Kennen Sie die alte Villa, außerhalb von Keaton? Ich habe sie über einen offensichtlich skrupellosen Immobilienmakler erworben. Immerhin für einen nicht geringen Millionenbetrag. Man versprach mir eine schöne Villa mit einem großen gepflegten Grundstück und zeigte mir auch einige Fotos. Ich kaufte sie. Sicher! Sie werden jetzt sagen, dass man niemals etwas kauft, ohne es sich vorher angesehen zu haben. Allerdings kenne ich die Villa schon länger, habe sie erst vor zwei Monaten gesehen, als ich an ihr zufällig vorbei fuhr. Sie sah so aus, wie man sie mir beschrieben hatte, demnach konnte ich mich darauf verlassen. Über dem Eingangstor prangte noch das Namensschild des ehemaligen Besitzers, Villa Biani. Als ich jedoch am Montagnachmittag raus fuhr, erschrak ich fast zu Tode über das, was sich meinen Augen darbot. Eine alte, vergammelte Villa. Ein unkrautüberwuchertes Grundstück —

In dem Haus sah es ähnlich schlimm aus. Überall Spinnweben, Schimmel, Ratten. Tote und Lebendige. Ich verließ das Haus, welches, wie mir schien, jeden Moment über meinem Kopf zusammenbrechen könnte. Daher rief ich Sie an. Wüsste ich es nicht besser, so würde ich sagen, dass die Bude schon seit Jahren vergammelt dasteht und auf ihren Abriss wartet. Aber ich habe sie gesehen. Vom Makler habe ich natürlich nichts mehr gehört. Offenbar gibt es ihn gar nicht. Immerhin war er so fair, sich nur mit der zwei Millionen Dollar Anzahlung aus dem Staub zu machen.
Morgen um 10:00 Uhr könnten wir uns vor meiner Firma treffen. Ich habe extra einen Termin abgesagt und würde Ihnen das Grundstück gerne zeigen. Für Ihre Zeitung dürfte es von Interesse sein. Falls Sie den Termin nicht wahrnehmen, so lassen Sie es mich bitte rechtzeitig wissen.”

„Na toll!“ meinte Jessica, als das Band zu Ende war. „Wenn es stimmt, was der Typ da labert, dann könnte es doch noch eine interessante Story werden. Was soll’s, reise ich halt morgen wieder an und fahre mit dem Kerl dahin.“

≈≈≈

Am nächsten Morgen stand sie Punkt 10:00 Uhr vor dem Firmentor und wartete in ihrem goldmetallicfarbenen Mondeo. Sie hatte ihn gebraucht gekauft, einen Neuwagen könnte sie sich im Augenblick nicht leisten. Immerhin befand sich der vier Jahre alte Wagen in einem sehr guten Zustand. Und das genügte ihr vollkommen.

„Wer weiß, vielleicht bringt mich die Story ein Stück auf der Leiter des Erfolges nach oben“, dachte Jessica Slater, wobei sie sich mit dem rechten Handrücken über die Stirn fuhr. Es war heiß, mindestens 35 Grad im Schatten.

10:05 Uhr, von Andrew Gritt keine Spur. Dann tat sich etwas. Die große Glastür glitt zur Seite, der Firmenleiter, ein Mittfünfziger, trat auf den Parkplatz hinaus. Gritt sah ihren Wagen vor dem Tor und näherte sich.

„Guten Morgen Miss Slater!“ tönte er ihr schon aus der Ferne entgegen. „Ich danke Ihnen, dass sie erschienen sind. Sie müssen wissen, es ist mit wirklich sehr wichtig, doch“, Andrew Gritt machte eine bedächtige Pause, ehe er fort fuhr: „vielleicht glauben Sie mir gar nicht. Vielleicht sollte ich Sie zuerst zeigen, was ich gesehen habe.“ Seine Stimme überschlug sich, er war sichtlich nervös, schien das Erlebte nicht so recht verdaut zu haben.

Gritt schritt um ihren Wagen herum und setzte sich auf den Beifahrersitz.

„Es ist sehr nett von Ihnen, dass wir Ihren Wagen nehmen“, sagte Jessica sarkastisch zur Begrüßung. Sie ließ den Motor an: „Wohin geht’s?“

„Entschuldigen Sie, aber mein Wagen ist derzeit in der Werkstatt.“

„Sicherlich! Und ich bin Ihre Großmutter“

Ohne darauf einzugehen fuhr er fort: „Fahren Sie erst einmal Richtung Keaton-West. Danach sehen wir weiter.“

Die Straße war holprig, von Schlaglöchern übersät. Rechts und links von dichtem Wald gerahmt. Fünf Meter über der Straße wuchsen die Baumkronen zu einem Bogen zusammen. Eichen, Erlen, Ahorn, … Hier wuchs alles. Dicht an dicht, völlig durcheinander. An der nächsten Weggabelung wies Andrew Gritt die Journalistin an, links abzubiegen. Wenige Kilometer später kamen sie in offenes Gelände. Weite Wiesen säumten einen Schotterpfad, der zu dem besagten Grundstück führte.

Jessica erstarrte: „Das soll Ihre Traumvilla sein?“ Sie brachte den Fiesta vor dem ehernen Tor zum stehen.

„Sie meinen wohl eher Albtraumvilla.“

Sie stiegen aus und Gritt führte Slater zum Tor. Windschief hing dort der Name des Hauses: Villa Biani

„Wirklich… ein netter Ort, Mr. Gritt.“ Ein leichter Wind kam auf, heiß und trocken. Und da war noch etwas… Der Wind brachte einen faulen, modrigen Geruch mit sich. Es roch nach Tot.

„Riechen Sie das auch?“ Wollte Jessica Slater wissen.

Andrew Gritt bejahrte ihre Frage mit einem Kopfnicken, drückte das Tor auf. Die Villa war von hier aus nur schemenhaft zu erkennen. Zu dicht und zu hoch standen die Sträucher und Bäume. Unkraut und Gräser überwucherten jede sich bietende freie Stelle. Der gepflasterte Weg ähnelte einer Buckelpiste. An zahllosen Stellen hatten Pflanzen und Wurzeln die Steine angehoben. Leuchtend gelbe Löwenzahnblüten wiesen den Weg zum Haus.

„Wahnsinn!“ rief Gritt aus, als sie vor dem Gebäude standen. „Seit Montag hat die Zeit hier ganz schön genagt.“

Als er die Tür aufdrückte, fiel diese haltlos nach innen, schlug auf dem Parkettboden auf. Staub wirbelte auf. Aus einer Ecke drang ein Quicken an die Ohren der neugierigen Besucher. Ratten!

„Ich würde sagen, hier sollte mal wieder Staub gewischt werden“, versuchte Jessica die Situation zu lockern. Aus ihrer Tasche zog sie eine teure Spiegelreflexkamera mit lichtstarkem Objektiv. „Ich werde einige Aufnahmen vom Haus machen. Man weiß nie, wozu diese gut sind.“

Klickend ratterte die Kamera in der Serienaufnahme los. Jessica hatte etwas gewittert, dass sich näher zu untersuchen lohnte. Gab es hier etwas Unerklärliches?

Ich weiß nicht, aber mein Gefühl sagt mir, dass dies der erste Ort ist, der wirklich für die Mystic News interessant sein dürfte. Nicht einmal die Sonne vermag die Atmosphäre zu entspannen, die sich über diesem Grundstück aufgebaut hat. Es ist richtig kalt.

In der Tat waren die Fenster nicht nur vom Schmutz getrübt. Feuchter Beschlag ließ die Sonne diffus durchschimmern.

Andrew betrat die ehemalige Küche der Villa Biani und schrie: „Jessica! Kommen Sie! Schnell!“

Abgehetzt stand sie Sekunden später hinter dem Mann in der Tür und blickte über seine Schulter hinweg. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um etwas sehen zu können. Doch was sie sah, warf sie ungewollt zurück. Würgend lehnte sich Jessica gegen die Wand, deren Putz sofort abbröckelte.

Die Küche war groß, an ihrer Außenwand verlief eine lange Arbeitsplatte. Unter dieser waren zahlreiche Schränke eingebaut. An der rechten Wand stand eine große Kühl-/Gefrierkombination, welche offenstand. Nicht gerade ein schönes Bild. Verschimmelte Reste ehemaliger Lebensmittel lagen auf den Glasböden. Das eigentlich ekelhafte an diesem Szenario stellte jedoch der Tisch dar. Er stand mitten im Raum. Es gab nur einen Stuhl. Auf diesem saß… eine Leiche. Sie hatte den Kopf auf die rechte Hand gestützt. Ihr Fleisch musste bereits vor langer Zeit von Ratten und Maden weggefressen worden sein. Vertrocknete Reste hielten die Knochen zusammen. Und dennoch… der Brustkorb bewegte sich. Das dreckverkrustete, löchrige Hemd zeigte deutlich, wie sich der Brustkorb hob und senkte. Oder war es eine Sinnestäuschung?

Andrew jedenfalls stand kreidebleich da. Er konnte nichts anderes mehr, außer den Toten anzustarren. So etwas hatte er, hatte noch Niemand, gesehen. Ehrlich gesagt wollte er es auch gar nicht sehen. Er wollte es vergessen. Mit einem Brechreiz wandte er sich endlich ab. Dabei erblickte er den Koffer, der neben der Tür stand. Der Koffer des Immobilienmaklers. Der Koffer mit seinem Geld darin.

Er rannte zur Haustür, wollte frische Luft in seine Lungen pumpen. Jessica Slater stand bereits, an einen Baum gelehnt und erbrach sich zum wiederholten Male. Ihre Kamera hatte sich im Haus verloren, ebenso ihre Tasche. Unwichtig! Im Gegensatz zu dem, was sie dort gesehen hatte. Andrew Gritt trat von hinten an sie heran. Vorsichtig legte er seine rechte Hand auf ihre Schulter. Sie erschrak erneut, fiel mit einem spitzen Schrei in das Gestrüpp, mitten hinein in ihr Erbrochenes. Hastig atmete sie ein und aus, kam nicht mehr zur Ruhe, hyperventilierte.

„Jessica, Jessi! Beruhige Sie sich! Ich bin es nur, Andrew!“

Er nahm sie in die Arme, streichelte sie beruhigend. Langsam schien Jessica sich wieder zu fangen. Die Journalistin musste ohne Hilfe ihre Atmung unter Kontrolle bekommen. Nirgends war eine Tüte, die sie sich hätte vor den Mund halten können. Dann half Andrew ihr auf die Beine und führte sie zum Wagen. Zitternd ließ Andrew Gritt die Frau auf dem Weg nieder. Beide saßen sie mit dem Rücken gegen das Auto gelehnt, dem Grundstück der Villa Biani abgewandt.

Die Rückfahrt verlief ruhig. Niemand sprach ein Wort. Um 14:50 Uhr fuhr Jessica Slater auf den Hof von Andrew Gritts Haus. Bevor er ausstieg, begann sie zu weinen. „Ich habe Angst“, wimmerte sie. Andrew nahm sie in den Arm, küsste sie. Er meinte: „Hier brauchst Du Dich nicht zu fürchten. Wir sind weit weg vom Ort des Grauens. Keine Angst, keine Angst.“ Er belog sich selbst, als er versuchte Jessica zu beruhigen. Hätte jetzt jemand die Beiden gesehen, er hätte geglaubt, Andrew hätte die junge Frau vergewaltigt. Ihre Haare waren verschwitzt, lagen strähnig an. Ihr Kleid war verdreckt, sie weinte bitterlich und ihr Make-up verwischte.

Nein, so konnte er sie nicht gehen lassen. Nicht in diesem Zustand. Andrew geleitete sie in sein Haus, führte sie ins Wohnzimmer und bereitete ihr ein Bad. Er selbst ging, während sie badete, in einem anderen Badezimmer duschen. Er war froh, sich endlich den Hauch des Todes vom Leib waschen zu können.

≈≈≈

Eine gute Stunde später saßen sie zusammen im Wohnzimmer und fingen an, über die Ereignisse zu nachzudenken und zu sprechen. Jessica hatte ihre Kamera im Haus liegen lassen. Auf ihr waren wertvolle Fotos gespeichert, die einem Parapsychologen nützliche Informationen preisgegeben hätten. Doch wie sollte sie die Kamera zurückbekommen? Freiwillig würde sie keinen Fuß mehr auf das Grundstück setzen, welches sie beinahe in den Wahnsinn getrieben hätte. Und wie kam der Koffer des Immobilienmaklers dorthin? Hing er in dieser Sache mit drin?

Andrew war es, der zu dem Entschluss kam, einen Spezialisten hinzu zu ziehen. Am nächsten Morgen würden sie einen aufsuchen, der die Angelegenheit untersuchen sollte. Jessica Slater würde ihre Story bekommen. Andrew Gritt Klarheit über seine Villa, die Villa Biani…

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2 Responses to Nicolas Certa: Villa Biana

  1. Susanne Schnitzler says:

    Schöne Idee. Ich finde sie eindeutig ausbaufähig.
    Auffällig sind häufige Perspektivwechsel zwischen ihr und ihm gegen Ende, die Vertraulichkeit nach dem Finden der Leiche kommt zu plötzlich und deshalb für meinen Geschmack ein bisschen zu plump. Insgesamt wäre die Sache flüssiger, wenn du ihren Karrierewillen nicht zu oft herausstellen würdest.
    Schönes Wochenende! LG an euch Susanne

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    • Hi!
      Wie gesagt, ich habe lange überlegt, ob ich wirklich diese Version ins Netz stellen sollte. Damals habe ich mir da echt noch nicht viele Gedanken drüber gemacht. Einfach runter geschrieben. Das Ende finde ich aus heutiger Sicht extrem furchtbar.
      Aber wie gesagt, ich wollte die Story als Aufhänger nutzen und sozusagen als Version 2.0 neu interpretieren / veröffentlichen.

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