Renate Kaiser: Lehrer, Liebe, Lügen (Kinder- & Jugendbuch)

Lehrer, Liebe, Lügen

Morgen geht’s wieder los“, plärre ich gegen Rihanna an und knuffe Claudia in die Seite. Mein erster Urlaub mit einer Jugendgruppe liegt hinter mir. Zwei Wochen auf der Nordseeinsel Borkum. Wir sitzen nebeneinander im Reisebus, jede mit den Stöpseln des MP-3-Players in den Ohren. Während ich meine braunen Haare wie immer zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden zusammen gebunden habe, verschwinden Claudias Stöpsel vollkommen in ihrer wallenden, roten Mähne. Der Bus verlässt gerade die Autobahn, nur noch wenige Kilometer, dann sind wir wieder zu Hause.
„Hör auf, ich darf gar nicht dran denken!“ Claudia gibt laute Würgegeräusche von sich.
„Vor allem nicht an Laetitia und ihren Fan-Club. Die habe ich in den letzten sechs Wochen überhaupt nicht vermisst“, werfe ich ein.
„Ob sie schon ihre erste Schönheits-OP hinter sich hat?“, stänkert Claudia, und ihre flaschengrünen Augen glitzern streitlustig.
„Schon möglich. Vielleicht war sie in diesen Ferien mit ihrer Mutter in einer Wellness-Oase. Das wird sie dann morgen in allen Einzelheiten vor ihren Groupies breittreten.“
Ich stöhne jetzt schon bei der Vorstellung, wie Laetitia ihre schwarzen Haare angeberisch nach hinten wirft und mit weit ausholenden Gesten über Honigmasken-Masken, Hot-Stone-Massagen und Ayurveda-Packungen und den ganzen anderen Kram referieren wird. Ihre Freundinnen werden diesen Auftritt wie immer mit weit aufgerissenen Augen und vielen ehrfürchtigen „Ahs“ und „Ohs“ kommentieren. Schulalltag, ab morgen hast du uns wieder!
Laetitia Dupont, Tochter eines Börsenmaklers und einer Rechtsanwältin, Einzelkind, ausgestattet mit allem, was Edeldesigner so auf den Markt werfen, selbstverständlich im Besitz eines eigenen Laptops und eines iPhones, führt in unserer Klasse eine Clique an, der auch Sofia, Tatjana und Emily angehören. Führen à la Laetitia heißt, „ICH befehle, die anderen folgen.“  Eigentlich sind die drei anderen Mädels ganz nett, nur wenn sie mit Laetitia zusammen sind, wird’s ein bisschen schwierig. Im Ernstfall bringt keines von ihnen den Mut auf, sich gegen Laetitia zu stellen, denn sie haben schon zu oft erlebt, was mit den Mitschülerinnen passiert, die Madame Dupont nicht leiden kann. Den Gegenpart bietet unsere Clique: Claudia, Sonja, Johanna und ich.

Vielen Dank an Renate Kaiser für diese Leseprobe!

Hier könnt Ihr das Interview zwischen Renate Kaiser und mir lesen!

In Kürze erscheint über dieses Buch eine Rezension meinerseits.


Daten zum Buch

Verlag: Schenk, Autor: Renate Kaiser,  Taschenbuch, 159 Seiten,
Erschienen: 04.03.2010, ISBN: 978-3939337720
Empfohlenes Lesealter: ab 10 Jahren

750 Gramm pro Woche

“Wow! Du lässt es aber krachen!“, bemerkt Aurelia und beäugt kritisch mein Schulbrot. „Wieso?“, frage ich verständnislos. „Goudakäse hat doch mindestens 48 % Fett“, empört sie sich. „Na und, wo ist das Problem?“, erkundige ich mich irritiert. Aurelia wirft Dana und Celine einen ihrer typisch überheblichen Blicke zu und sagt in arrogantem Tonfall: „Na, da müssen wir ja wohl mal ganz von vorne anfangen … Schau mal Süße, diese fette Scheibe Käse wiegt bestimmt 50 Gramm, das heißt 24 Gramm Fett, wahrscheinlich hast du auch noch Butter drunter, das Brot hat auch jede Menge Kalorien …“, doziert sie mit kritischem Blick. „Bevor ihr kamt, hat sie sich schon ein Salamibrot reingezogen“, mischt sich Celine ein. Blöde Petze, hätte die nicht ihre Schnauze halten können? Unbehaglich rutsche ich auf der Bank hin und her. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, sage ich und fühle mich irgendwie schuldig. „Das solltest du aber mal“, wirft Celine ein. „Findet ihr mich zu dick?“, erkundige ich mich verunsichert. „Na ja“, antworten alle drei ziemlich gedehnt. Na klasse! Meine Schultern sacken nach unten, der Kopf fällt nach vorne. Das hat gesessen! „Stell dich mal“, fordert Aurelia herrisch. „Wir sind hier doch nicht auf dem Viehmarkt“, protestiere ich leise. „Komm Tabea, jetzt hab‘ dich nicht so“, mischt Dana sich ein und nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Zögernd erhebe ich mich, streiche die Hosenbeine meiner Röhrenjeans glatt. Aurelia setzt einen prüfenden Blick auf. „Die Oberschenkel sind zu dick und außerdem hast du Muffins“, doziert sie mit Kennermiene. Dana und Celine nicken bestätigend. „Muffins, was meinst du damit?“, will ich wissen. „Bei dir quillt der Speck über den Hosenbund, genau wie bei einem Muffin der aufgegangene Teig über das Papierförmchen quillt … Kanntest du den Ausdruck nicht?“, Aurelia kichert über so viel Unwissenheit. Voller Unbehagen sinke ich wieder auf die Bank. Die anderen schweigen demonstrativ, ganz so als ob sie durch ihr Schweigen Aurelias knallhartes Urteil über mich unterstreichen wollten. Ich betrachte peinlich berührt die nicht mehr ganz so weißen Kappen meiner Chucks.

Vielen Dank an Renate Kaiser für diese Leseprobe!

Dieses Buch erscheint Ende September, Anfang Oktober


Daten zum Buch

Verlag: Schenk, Autor: Renate Kaiser, Taschenbuch, 160 Seiten,
Erschienen: 01.10.2010, ISBN: 978-3939337799
Empfohlenes Lesealter: ab 9 Jahren

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