Leseprobe: Der Anhalter (Julienne Christofferson – Thriller)

Der Anhalter

Vielen Dank an Julienne Christofferson, die mir diese Leseprobe freundlicherweise zur Verfügung stellte!

Irgendwann, nach Stunden langen Wartens, blieb ein alter Olds­mobile Tornado stehen. Zuerst hielt ich es für eine Art Fata Morgana. Wissen Sie, es ist nämlich so; wenn man stundenlang in die Ferne starrt, sieht man schon mal seltsame Sachen. Schatten werden plötzlich lebendig, Felsen schwingen im Wind, der Sand verwandelt sich in ein Meer. Es ist aber nur der heiße Atem der Wüste, der einem einen Streich spielt.

Nur der verflixte heiße Atem.

Doch diesmal war es kein Trugbild. Als der Motor aufheulte, sich die Tür öffnete und laute Rockmusik ertönte, begriff ich, dass es keine Einbildung war. Ich schnappte mir meine Tasche, klopfte mir den Sand von meiner Kleidung ab und eilte sofort hin. Das Auto gehörte fünf Collegestudenten. Drei dieser Studenten waren heiße, gut gebaute Bräute. Eine Blondine, eine dunkelhaarige Gruftibraut und eine Rothaarige saßen auf der Rückbank.

Halleluja.

Ich spähte hinein und wurde sogleich mit einem fröhlichen „Hallo“ begrüßt. Ich nahm jedoch stark an, dass dieses fröhliche „Hallo“ etwas mit dem mächtigen Marihuanageruch zu tun hatte, welcher die Luft im Inneren verpestete.

„Wohin soll‘s gehen?“, fragte mich der Fahrer. Ein muskel­bepackter Latino. Hatte etwas Ähnlichkeit mit Brian Austin Green. Ich nahm stark an, dass er ein Footballspieler war. Er sah auf jeden Fall wie einer aus. Groß, muskulös und gebräunt. An meinem College gab es genug solcher Typen. Diese waren allesamt eingebildet und arrogant. Doch die Frauen lagen genau solchen Typen zu Füßen. So ist es nun mal. Die bösen, starken Jungs sind immer sehr begehrt bei den  Mädchen.

„Na ja, zu allererst raus aus der Wüste“, antwortete ich ganz freundlich.

„Ja, du siehst so aus, als ob du schon länger auf ein Auto warten würdest“, diesmal sprach der Beifahrer. Er war klein und schmächtig. Er hatte seine aufgehellten Haare hochgegelt. Im Vergleich zu dem Autofahrer war er ein abgebrochener Zwerg. Also, er war sicherlich kein Footballspieler.

Ich brauchte nicht in den Spiegel zu schauen, um zu wissen, was er mit seiner Bemerkung gemeint hatte. Ich war voller Sand, auf meiner Nase und meinen Wangen hatte ich Sonnenbrand. Um das Ganze abzurunden, hatten sich auch noch unter den Achseln, Brustbereich und Rücken tellergroße Schweißflecken gebildet.

Auf dem Rücksitz wurde währenddessen gekichert. Dieses Gekicher hatte sicherlich auch etwas mit dem penetranten Marihuanageruch zu tun. Das erkannte ich an der Art, wie die Mädels ihre Köpfe nach hinten warfen. Ich habe genug vollgedröhnte Menschen in meinem Leben gesehen. In diesem Zustand haben sie eine bestimmte Art der Bewegung, Gestikulation, Lachen und Sprechen. Ich will erwähnen, dass ich Drogen verabscheue. Ich habe genug Erfahrung damit gemacht. Nein, ich gehöre nicht zu den Leuten, die nie ein Gramm Marihuana geraucht haben, aber trotzdem überzeugte Gegner davon sind. Leute, die niemals ein Gläschen Alkohol angerührt haben, aber die totalen Alkoholgegner sind. Ich spreche aus Erfahrung. Ich weiß ja letztendlich, wovon ich spreche. Im Krankenhaus wurde ich andauernd mit irgendwelchen Schmerzmitteln und Schlaftabletten vollgepumpt. Im Prinzip war ich wochenlang stoned gewesen.

„Ich denke, wir sollten dich mitnehmen. Es wird zwar eng, aber ich kann dich nicht hier in der Wüste stehen lassen“, meinte der Fahrer und nickte dem Beifahrer zu. „Terenzi, du gehst nach hinten zu den Mädels. Quetsch dich irgendwie dazwischen.“

Ich muss zugeben, ich war etwas enttäuscht. Eigentlich wollte ich ja zu den Mädels nach hinten. Aber nun gut. Als Anhalter darf man sich ja nicht allzu viel beklagen. Das erwähne ich immer wieder gern. Oder vielmehr halte ich es mir immer vor Augen. Ich könnte sicherlich über den Autospiegel immer wieder rüber schielen, um mir die Mädels genau anzuschauen. Wenn Sie verstehen, was ich meine (ich kann nur sagen, dass ich mich kaum an die Augenfarben der Mädels erinnern kann, aber ich kann Ihnen sagen, welche Körbchengröße sie hatten).

Ich war wirklich froh, dass die mich aufgelesen hatten. Wer weiß, wann das nächste Auto vorbeigekommen wäre. Das schmale Hemd hatte sich also zwischen die Mädels gequetscht und ich war nun der neue Beifahrer.

„Ich bin übrigens Illinois. Terenzi hat dir ja gerade Platz gemacht. Die hübschen Dinger da hinten sind Madison, Kendra und Lucy“, plapperte der Fahrer drauf los, kaum dass er den Wagen gestartet hatte. Ich nickte freundlich und erwiderte: „Ich bin Jessy. Illinois, ist das dein richtiger Name?“, fragte ich ernsthaft interessiert. Illinois zuckte mit den Schultern. „Nö, ich komme bloß aus Illinois und irgendwie hat es sich auf dem College eingebürgert, mich Illinois zu nennen. Wir sind alle auf demselben College, weißt du.“ Hinten ertönte wieder Gekicher. Madison, Kendra und Lucy schienen sich prächtig zu amüsieren. Zum allgemeinen Verständnis möchte ich erst einmal erklären, welcher Name zu welcher Senorita gehörte.

Lucy war die Rothaarige. Und zwar war sie eine echte Rot­haarige. Am Rücken und an den Armen hatte sie Sommer­sprossen. Aber es waren sehr süße Sommersprossen. Sie verunstalten Lucy in keiner Weise. Sie war sehr hübsch. Ihre Haut war sehr hell und zart. Am liebsten hätte ich sie auf der Stelle gestreichelt und vielleicht sogar geküsst, aber ich glaube, das hätte keinen guten Eindruck hinterlassen. Lucy war klein und zierlich. Gerade mal 1,63 m groß. Sie hatte einen Schmollmund und eine schmale längliche Nase. An die Augenfarbe kann ich mich leider nicht erinnern. Sie trug ein kurzes, grünes Kleid, unter dem sich ihre kleinen Brüste abzeichneten. Sie hatte einen halblangen Pagenschnitt und ihre Haare glänzten lebendig im Licht. Lucy war, wie ich später erfuhr, ein wohlbehütetes Mädchen. Sie kam aus einem guten Haus. Ihr Vater hatte irgendetwas mit dem Senat zu tun. So ganz genau merkte ich es mir aber nicht. Auf jeden Fall waren ihre Eltern steinreich, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Madison war die Dunkelhaarige in dem Grufti-Outfit. Sie hatte lange, glatte Haare wie die Sängerin Cher. Nur das Madison mir besser gefiel als Cher. Sie war äußerst hübsch und gefiel mir auf Anhieb. Madison hatte eine unglaubliche Oberweite, welche ihr schwarzes, tief ausgeschnittenes Top fast sprengte. Ich musste mich beherrschen, nicht andauernd auf ihre Brüste zu starren. Und ich muss sagen, dass es mir verdammt schwer gefallen ist. Madison war meiner Meinung nach (auch wenn sie mir sehr gefiel) etwas zu stark geschminkt. Ihre Lider waren übertrieben schwarz angemalt und die Lippen dunkelrot. Aber die Oberweite interessierte mich sowieso mehr. Sie trug enge Hüftlederhosen, was mich bei dieser Hitze sehr erstaunte. Aber vielleicht liebte sie es ja, stark zu schwitzen. Bei dem Gedanken an ihre blasse, verschwitzte Haut bekam ich eine Erektion. So viel zu Madison.

Kendra war die Blonde. Die Farbe war nicht echt. Ein dunkler Ansatz sprang mir sofort ins Auge. Kendra trug ein rosafarbenes Top mit dazu passenden Hotpants. Ihre schlanken, gebräunten Beine nahmen kein Ende. Kendra gehörte meiner Meinung nach in den Playboy und nicht in ein College. Sie war eine echte Cheerleaderin. Nur etwas später erfuhr ich, dass sie mit Illinois zusammen war. Aber wen wundert es, solche Mädchen waren immer mit einem Footballspieler zusammen.

Was mich jedoch am meisten an dieser ganzen Zusammensetzung wunderte, war Madison. Verstehen Sie mich nicht falsch; sie war wirklich süß und ich mochte sie von Anfang an, aber auf meinem College gaben sich Mädchen wie Kendra und Lucy nicht mit einem Mädchen wie Madison ab. Es war ein ungeschriebenes Gesetz. So etwas wie ein Ehrenkodex. Auf der einen Seite waren da die wohlbehüteten, kleinen Engel und auf der anderen Seite die Badgirls, die aus der Reihe tanzten. Und beides funktionierte nicht zusammen. So war das eben.

„Wo soll ich dich absetzen?“, fragte Illinois und holte mich aus meinen Gedanken. Ich starrte gerade auf Madison Brüste. „Also, nach etwa 50 Meilen kommt ein kleines Motel …“, sprach er weiter und ich nickte. Natürlich kam da ein Motel. Das Motel, in dem mich der fette Klops ficken wollte. Das erwähnte ich aber nicht. „…. nach Meile 65 kommt ein kleiner Ort namens „Paso Doble“…..

„Wo wollt ihr denn hin?“, unterbrach ich Illinois Aufzählungen. Als auf dem Rücksitz ein frisch gedrehter Joint die Runde machte, kurbelte ich mein Fenster etwas runter. Ich wollte lieber nichts davon einatmen.

„Wir wollen in die Wüste“, meldete sich Lucy zu Wort und beugte sich zu mir. Ich atmete ihren Duft ein. Sie roch fantastisch nach teurem Parfüm.

„Ach so, in die Wüste also. Was gibt es denn in der Wüste?“

„Sand, Felsen und Schlangen“, erwiderte Madison kichernd, nachdem sie an dem Joint gezogen hatte. Anschließend überreichte sie ihn Lucy. „Nein, nein. Wir wollen natürlich nicht zu den Schlangen. Oder den Felsen. Oder dem Sand. Da gibt es eine kleine Ruine. Es war früher eine christliche Mission oder so etwas. Da wollen wir übers Wochenende bleiben. Die Ruine soll echt cool sein. Freunde von uns haben sie empfohlen. Wir können dort so richtig die Sau raus lassen. Verstehst du. Saufen. Laute Musik hören und keiner nervt uns. Keine schnöden Mitbewohner, keine Bullen und keine langweiligen Campus­aufseher.“ Aus ihrem Mund entwich eine Marihuana­wolke. Lucy, das erfuhr ich auch später, war Papas Liebling. Konservativ erzogen und jetzt ließ sie praktisch so richtig die Sau raus. Bereits mit 15 hatte sie ihre Jungfräulichkeit verloren. Aber nicht, weil sie in den Typen, der sie gebumst hatte, sooo verliebt war, sondern um ihren Eltern eins auszuwischen. Eine typische Trotzgöre. Sicherlich bekam sie alles, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte.

„Da gibt es bestimmt Schlangen und Sand. Viele Schlangen und viel Sand. Das haben die meisten Ruinen in einer Wüste so an sich“, räumte ich ein. Wildes Gekicher ertönte im Hintergrund.

„Übrigens, wo wir gerade von Schlangen sprechen, da fällt mir doch glatt ein Witz ein“, sagte Terenzi mit einem dämlichen Grinsen. Kendra verdrehten die Augen. „Nicht schon wieder ein Witz, Terenzi“, jammerte sie, „die hören wir uns schon seit Stunden an.“ Zu mir gewandt sagte sie verschwörerisch: „Terenzi hält sich für einen richtigen Witzbold, musst du wissen.“

„Nein, nein, der ist wirklich gut“, protestierte Terenzi laut. „Also, da reisen zwei Kerle durch die Wüste…“

„Ja, wie originell“, sagte Lucy kichernd. Der Joint machte erneut die Runde.

„Der eine von ihnen musste pinkeln …“

„… und er machte sich in die Hose, weil er vergeblich nach einem Baum suchte“, fiel ihm Illinois ins Wort.

„Haha, Illinois. Nein, er sucht nicht nach einem Baum. Er findet einen Felsen, an dem er sich erleichtern wollte. Er stellt sich also vor den Felsen, macht seinen Hosenstall auf und gerade, als er loslegen möchte, wird er von einer Schlange gebissen …“

„Aber nicht von seiner eigenen, oder?“, brüllte Madison erheitert und die anderen lachten. Nur Terenzi sah ziemlich ernst aus. „Nein Madison, er wird von einer Klapperschlange gebissen, ok? Jetzt lasst mich doch bitte weiter erzählen: Nach kurzer Panik rennt sein Freund zu seinem Funkgerät, welches er am Motorrad befestigt hatte, und funkt ein Krankenhaus an.

„Und das Funkgerät hatte in der Wüste auf Anhieb Empfang? Muss ein gutes Funkgerät gewesen sein“, räumte Madison ein, was die anderen erneut zum Kichern brachte.

„Ja Madison, das Funkgerät hatte Empfang. Es war ein gutes Funkgerät, ok?“, konterte Terenzi genervt. Auf jeden Fall brüllt sein Freund ins Mikrofon: „Mein Freund wurde von einer Schlange gebissen! Was soll ich tun?”

Der Arzt fragt daraufhin, wie die Schlange denn aussah. Stotternd beschreibt er die Schlange. Darauf meint der Arzt: „Nehmen sie ein Messer und öffnen sie die Wunde.”

Sein verletzter Kumpel fragt währenddessen: „Was sagt der Arzt?“

Sein Freund antwortet: „Ich muss die Bisswunde öffnen!“ Zögernd greift er dann zum Messer und tut, was er tun muss. Dann schnappt er sich wieder das Mikrofon und fragt: „Und was jetzt?“ Der Arzt meint: „Saugen sie die Wunde aus.“

Der Verletzte fragt nun neugierig: „Was sagt der Arzt nun, was sagt der Arzt nun?“

Sein Kumpel guckt ihn ernst an und antwortet: „Sorry Mann, aber du musst sterben.“

„Ha, ha“, meinten die Mädels aus einem Munde und schüttelten die Köpfe…


Die Autorin

Julienne Christofferson, Jahrgang 1976, geb. in Deutsch Eylau, Polen, lebt mit ihrem Mann und Sohn in Herford.

Ihre Familie siedelte nach Deutschland über, als sie 12 Jahre alt war. Sie schreibt bereits seit ihrer Kindheit Geschichten und Gedichte. Die ersten Horrorgeschichten entstanden in ihrer Jugend.
Als Julienne sieben Jahre alt war, erhängte sich ihr Nachbar, dessen Leiche sie fand. Seit dem leidet sie an lebhaften Albträumen, welche sie oft inspirieren. Viele ihrer Kurzgeschichten sind durch den Einfluss eben dieser Albträume entstanden.

Internet: www.elysium-buch.de


Daten zum Buch

Autor: Julienne Christofferson, Titel: Der Anhalter, Verlag: Marco Neumann Verlag, Taschenbuch, 250 Seiten, Erschienen: 14.12.2009, ISBN: 978-3941041110

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